Ein solcher Angriffs- oder Eroberungskrieg ist in Europa zuletzt vor über 80 Jahren geführt worden – damals war es die deutsche Armee. Russland und die Ukraine gehörten seinerzeit zur Sowjetunion, dem Land, das mit 17-25 Millionen Toten die meisten Toten des 2. Weltkriegs zu beklagen hatte. Danach waren sich die Menschen weltweit einig: Nie wieder Krieg! Wir müssen alles tun, wirklich alles, um solche Kriege zu verhindern. Seit Donnerstag gibt es nun wieder einen solchen Krieg, auch in Europa.

So wie jeder einzelne Mensch als Mensch das Recht besitzt, frei zu sein und selbst über sein Leben zu bestimmen, so besitzt auch die Bevölkerung eines jeden Landes das Recht, selbst zu bestimmen, in welcher Art von Staat sie leben möchte. Das nennt man das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Und die große Mehrheit der Bevölkerung in der Ukraine hat in den letzten 20 Jahren immer wieder unmissverständlich klargemacht, wie sie leben möchte: So wie wir, in einer Demokratie, in einem Rechtsstaat, in einem liberalen Staat, in dem jeder sagen und schreiben kann, was er denkt, in dem jede glauben kann, was sie selbst möchte, in dem die einzelnen Menschen ganz unterschiedlich leben und die anderen dies respektieren oder zumindest tolerieren. Das haben die Menschen in der Ukraine in einer Reihe von Wahlen gezeigt und vor Jahren auch eindrucksvoll bei regelmäßigen Riesendemonstrationen mit bis zu 800 000 Teilnehmern – sie haben sich auch nicht davon abschrecken lassen, als damals 100 Demonstranten getötet und 1000 verletzt wurden. Und sie zeigen es auch heute: Mit allen Mitteln und dem Mut der Verzweiflung leisten die Menschen in der Ukraine derzeit einen erbitterten und bewundernswerten Widerstand gegen eine der stärksten Armeen der Welt. – Wer ein solches Land angreift, verletzt das Selbstbestimmungsrecht dieses großen Landes und begeht ein schweres Verbrechen. Daran ändert auch nichts, dass die Ukraine in der Geschichte immer eng mit Russland verbunden gewesen ist und auch nicht, dass die Politik der westlichen Staaten in den letzten Jahrzehnten möglicherweise nicht immer klug gewesen ist. Der jetzige Krieg ist ein schwerer Bruch des Völkerrechts und auch ein Krieg gegen unsere Staatsform, den demokratischen und liberalen Rechtsstaat, in dem die Freiheitsrechte einen ganz besonderen Stellenwert besitzen.

Dies sehen übrigens auch viele Menschen in Russland so. Manche gehen sogar auf die Straße und demonstrieren gegen den Krieg, obwohl sie wissen, dass sie dafür ins Gefängnis kommen und schwer bestraft werden.

Nicht nur Militäranlagen, Flughäfen und Fabriken werden derzeit angegriffen, sondern auch ganz normale Häuser werden zerstört, Krankenhäuser, Kindergärten und Schulen werden bombardiert, Atomkraftwerke sind umkämpft. Ein ganzes Land wird in Schutt und Asche gebombt. In den letzten Tagen sind Tausende von Menschen in der Ukraine getötet worden, Hunderttausende haben alles zurückgelassen und sind Hals über Kopf geflohen, Millionen fürchten aktuell um ihr Leben und das Leben ihrer Kinder und Freunde; Millionen von Menschen sind verzweifelt. Und auch unter den russischen Soldaten und den Bürger*innen in Russland wird es viele geben, die diesen Krieg nicht wollen und die Angst um ihr Leben haben.

Auch für uns bleibt dieser Krieg nicht folgenlos: Die Energiepreise steigen weiter an, viele Güter werden teurer. Unser Staat gibt nun viele Milliarden Euro zur militärischen Verteidigung aus, die nun in anderen Bereichen, z.B. den Schulen, fehlen werden. Zudem stellen sich viele Fragen: Wie geht es weiter? Werden auch noch andere Länder überfallen – auch Länder, die mit uns in der Nato verbündet sind?

Liebe Schüler*innen: Auch wir haben eine Reihe von Schülern, die selbst in der Ukraine geboren wurden oder deren Eltern aus der Ukraine stammen. Sie haben jetzt möglicherweise große Angst um Angehörige, die noch in der Ukraine sind oder sich auf der Flucht befinden. Ihnen gehört unsere ganz besondere Aufmerksamkeit und Solidarität.

Und wir haben auch viele Schüler*innen, die in Russland geboren sind oder deren Eltern aus Russland stammen. – Auch für sie ist es im Moment keine einfache Situation. Vielleicht haben sie sogar Angst, nun verantwortlich gemacht oder beschimpft zu werden.

Deshalb ist es mir ganz wichtig klarzustellen: Niemand an unserer Schule ist verantwortlich für den schrecklichen Krieg in der Ukraine. Jede/r Schüler*in an unserer Schule ist hier herzlich willkommen. Und wir erwarten, dass ihr euch, liebe Schüler*innen, weiterhin wechselseitig respektiert und friedvoll miteinander umgeht. Ich bin mir sicher: Das wird klappen.

Als Schule können wir den schrecklichen Krieg in der Ukraine nicht beeinflussen. Aber wir können zeigen, dass uns das Leid der Menschen in der Ukraine und der Angriff auf unsere eigene Lebensform, die Demokratie, nicht gleichgültig ist. So wie dies am Wochenende und gestern bereits viele Menschen in Deutschland auf beeindruckende Weise bereits getan haben, wie z.B. in unserer Region auf der Rahmede-Talbrücke, in Berlin oder gestern in Köln.

Liebe Schüler*innen, liebe Kolleg*innen, ich möchte euch gleich bitten, euch von euren Stühlen zu erheben, für einen Moment zu schweigen und an die Menschen zu denken, die in den letzten Tagen oder heute sterben, deren Angehörige getötet wurden, an die Menschen zu denken, die ausgebombt wurden und alles verloren haben, an die Menschen, die auf der Flucht sind, an die vielen Kinder und Jugendlichen, die nicht wissen, ob sie ihre zurückgebliebenen Brüder und Väter jemals lebendig wiedersehen. Wir erheben uns nun bitte und gedenken der Opfer des Krieges. Wer mag, kann auch gerne für sie beten.

Liebe Schüler*innen, liebe Kolleg*innen, ich danke euch für eure Aufmerksamkeit und euer Mittun.

Johannes Heintges, Schulleiter

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