Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Schüler und Schülerinnen,

ich bitte um Aufmerksamkeit für eine wichtige und längere Durchsage.

in unserem Land leben mehr als 80 Millionen Menschen. In unserem Land gibt es viele, zum Teil sehr unterschiedliche Kulturen. Entsprechend unterschiedlich und häufig auch gegensätzlich sind die kulturellen und politischen Überzeugungen, die die Bürger*innen unseres Landes haben. Die einen sind Christen, Muslime oder Juden; andere bestreiten vehement, dass es einen Gott gibt; wieder andere denken, dass wir mithilfe unserer Vernunft gar nicht entscheiden können, ob es einen Gott gibt oder nicht. Aber das ist nur ein Beispiel für viele kontroverse Fragen. Wir müssen uns nur in unserem Land oder auch an unserer Schule umschauen, um zu sehen, wie unterschiedlich die Menschen aussehen, wie unterschiedlich sie hier leben, wie verschieden sie sich kleiden oder welch unterschiedliche Feste sie feiern. In einem Staat leben Fremde mit Fremden zusammen.

Wenn es aber keine absoluten Gewissheiten gibt, von denen wir alle 80 Millionen gleichermaßen überzeugt sind, ist es umso wichtiger, dass wir alle einige allgemeine Regeln beachten, auf die wir uns – unabhängig von unserer Herkunft, Kultur oder weltanschaulichen Überzeugung - geeinigt haben. Das sind in unserem Staat und in der ganzen Europäischen Union die Grundrechte, die wir uns gegenseitig zuerkennen. Sie sorgen dafür, dass die Freiheit des einen mit der Freiheit aller anderen vereinbar ist. Dazu gehören z.B. das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit, das Recht auf Eigentum, das Recht, selbst über sein Leben bestimmen zu können oder auch das Recht auf Freizügigkeit. Gerade da wir nicht alle einer Meinung sind, sind eine Reihe von Rechten von ganz besonderer Bedeutung: das Recht auf Meinungsfreiheit und das Recht auf Religionsfreiheit – zu dem übrigens auch das Recht gehört, jede Religion abzulehnen, das Recht, unsere Meinung auch äußern zu dürfen, das Recht auf Pressefreiheit oder auch das Recht auf die Freiheit der Kunst. Wenn unser Gegenüber das Recht hat, seine eigene Meinung zu haben und sei sie aus unserer Sicht noch so abstrus, haben wir umgekehrt die Pflicht, diese andere Meinung zu tolerieren. Das heißt nicht, dass wir seine Meinung gut finden; wir teilen sie ja nicht oder lehnen sie sogar ganz entschieden ab; aber Toleranz heißt, dass wir respektieren, dass er eine andere Meinung hat. Die Pflicht zur Toleranz endet erst da, wo andere Grundrechte in Gefahr sind.

In unserem Nachbarland Frankreich hat einer unserer Kollegen in einer Schule bei Paris seine Schüler*innen in diesen elementaren Grundlagen unseres Zusammenlebens unterrichtet und ihnen anhand von Karikaturen konkret demonstriert, vor welch große Anforderungen uns das Grundrecht auf Meinungsfreiheit, auf Freiheit der Kunst bzw. die Pflicht zur Toleranz immer wieder stellen. Deshalb wurde er zunächst zum Opfer eines shitstorms, von Hasstiraden in den sozialen Medien; kurz darauf, am 16. Oktober, wurde er bestialisch ermordet. Samuel Paty, unser Kollege, ist 47 Jahre alt geworden und musste sterben, weil er unseren Bildungsauftrag als Lehrer ernst genommen hat und seinen Schüler*innen die Grundlagen ihrer und unserer Freiheit, die Prinzipien des demokratischen Rechtsstaates, beibringen wollte. Ihm gilt unser Gedenken und unsere Trauer – und zwar unabhängig davon, ob wir Christen, Muslime, Atheisten oder Agnostiker sind.

In ganz Europa halten nun, heute und jetzt, Hunderttausende von Lehrer*innen und Millionen von Schüler*innen an ihrer Schule inne. Auch wir, die Gesamtschule Kierspe, tun das. Ich bitte euch nun alle, euch zu erheben. Jetzt schweigen wir für eine Minute und gedenken unseres ermordeten Kollegen, des Lehrers Samuel Paty.

Vielen Dank!

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