Dr. Michael Fink / Johannes Heintges

 

Was Wilhelm von Humboldt mit unserer Schule zu tun hat –

zur Geschichte der Schulform Gesamtschule

 

Schulpolitik ist Sozialpolitik

Es gibt Themen, mit denen sich jede Konferenz an einer Schule mühelos in stundenlange Debatten verstricken lässt: Vor nicht allzu langer Zeit waren es der Zustand der Toiletten oder die Verspätung der Busse, heute kommt noch der Umgang mit Smartphones hinzu. Solche Themen wirken wie Dynamit, da sie Dinge in den Blick nehmen, die mit darüber entscheiden, ob wir unseren Alltag an der Schule als angenehm oder eher lästig empfinden.

Eine ganz ähnliche Brisanz, wenn auch auf der Ebene gesellschaftlicher Debatten, entwickeln Themen der Schulpolitik – nicht erst seit 50 Jahren. Jede/r hat eine Schule besucht, jede/r hat seine besonderen Erfahrungen mit LehrerInnen und MitschülerInnen gemacht, mit wenig nachvollziehbaren Regelungen, mit dem häufig beklagenswerten Zustand der Schulausstattung und kann beurteilen, wie gut seine Schule auf das sich anschließende Leben vorbereitet. Niemand in unserer Gesellschaft ist von Schule in seinem Leben nicht betroffen. So sind wir gewissermaßen alle ExpertInnen in Sachen Schule. Verlässt man die Ebene der liebenswürdigen Anekdoten, lässt sich in der Vielzahl der Debatten über Schule immer wieder eine Grundfrage erkennen: Welche Schule bereitet am besten auf das Leben vor, auf die persönliche Lebensführung ebenso wie auf das Leben in Beruf und Gesellschaft? Eine Frage, die sich Eltern mit Blick auf ihr Kind in all seinen Eigenheiten und Fähigkeiten stellen. Aber auch eine Frage, die sich eine Gesellschaft oder eine politische Gemeinschaft stellen kann. Fragen der Schulpolitik sind auch Fragen der Sozialpolitik. Im traditionellen, selektiven, dreigliedrigen Schulsystem spiegelt sich nicht zufällig die frühere Sozialstruktur unserer Gesellschaft wider. Bis heute, so weisen viele internationalen Bildungsstudien immer wieder nach, entscheidet in Deutschland die soziale Herkunft über die soziale Zukunft der SchülerInnen in größerem Ausmaß als dies in vergleichbaren Ländern der Fall ist. Und auch die heftigen Emotionen in der Schuldebatte lassen einen Sprengsatz vermuten: Es geht wirklich um etwas.

Gesamtschule vor 200 Jahren – gescheitert

Ein Blick auf unsere Schulform und ihre Geschichte zeigt, dass das, was in Deutschland immer noch so selbstverständlich erscheinen mag, keineswegs alternativlos, sondern das historische Resultat politischer Entscheidungen ist. Der Aufklärung haben wir nicht nur die pädagogische Einsicht zu verdanken, dass Kinder nicht einfach kleinformatige Erwachsene sind und dass sie in ihren spezifischen Bedürfnissen auf eine spezielle Entwicklung, einen besonderen, einen pädagogischen Umgang angewiesen sind, sondern auch die Einführung der allgemeinen Schulpflicht, mit der Bildung und Erziehung nicht mehr nur ein Privileg der reichen Schichten bleibt: „Jeder Einwohner, welcher den nöthigen Unterricht für seine Kinder in seinem Hause nicht besorgen kann oder will, ist schuldig, dieselben nach zurückgelegtem fünften Jahre zur Schule zu schicken.“ [1794 gesetzliche Einführung der Schulpflicht im 12. Titel ("Von niedern und höhern Schulen" ) des Allgemeinen Landrechts für die preußischen Staaten]. Ein erster Schritt ist getan, den Wilhelm von Humboldt im Auftrag des preußischen Königs Friedrich-Wilhelm III. 1819 zu einem einheitlich organisierten Schulsystem weiterentwickeln möchte: Nach dem Besuch der „Elementarschule“ wechseln die Kinder auf eine „allgemeine Stadtschule“. Sie soll „die Bildung des Knabenalters bis zu der Grenze fortführen, wo sich die Fähigkeit und Bestimmung entweder zu weiterer wissenschaftlicher Ausbildung oder zu besonderer Vorbereitung für ein bürgerliches Gewerbe zu entscheiden pflegt.“ Bis heute ist die erste Schule der Kinder, die Grundschule, eine Schule für alle Kinder, eine Gesamtschule. Doch die von Humboldt angestrebte Ausdehnung des Gesamtschulgedankens wird nicht verwirklicht, um den gesellschaftlichen Status Quo nicht zu gefährden. Die konservativen Kräfte setzen sich mit ihrer Argumentation durch: „Je länger der Jungend die Verschiedenheit der menschlichen Verhältnisse verheimlicht wird, als eine desto größere Last muss sie ihr hinterher erscheinen; ja, eben dieser lange Traum und Wahn einer allgemeinen Gleichheit wird nicht bloß die nachfolgende Ungleichheit umso drückender machen, sondern auch die früher Gleichen und Vereinten umso schroffer trennen und umso feindseliger gegen einander stellen." (Stellungnahme von Ludolph von Beckendorff 1819) Schon kurz nach der Einführung der allgemeinen Schulpflicht wird mit der Verhinderung der „allgemeinen Stadtschule“ die zentrale Konfliktlinie gezogen, die die weitere Entwicklung des Schulwesens bis heute dominiert.

Der Neuanfang mit Gesamtschulen nach der Nazidikatatur - gescheitert

Da andere Staaten mit Formen einer ‚gemeinsamen Schule für alle‘ gute Erfahrungen machen und erfolgreich sind, möchten die Alliierten nach dem Ende der Nazi-Diktatur und des 2. Weltkrieges im Zuge der angestrebten Entnazifizierung und Re-education der deutschen Bevölkerung zu überzeugten DemokratInnen eine Art Gesamtschule als Regelschule einführen. Sie fordern 1947 in ihrer Kontrollratsdirektive Nr. 54 („Grundprinzipien für die Demokratisierung des Bildungswesens in Deutschland“) für die vier Besatzungszonen: „Alle Schulen für den Zeitraum der Pflichtschulzeit sollten ein zusammenhängendes Bildungssystem (comprehensive educational system) darstellen. Die Abschnitte der Elementarbildung und der weiterführenden Bildung sollten zwei aufeinanderfolgende Stufen der Unterweisung bilden, nicht zwei Wege oder Abschlüsse der Ausbildung [nebeneinander], die teilweise übereinstimmen“. Doch die deutschen Politiker lehnen ein solch einheitliches und die sozialen Schichten nicht selektierendes Bildungssystem mehrheitlich ab, mit ähnlichen Argumenten wie schon 1819, sodass es in Westdeutschland beim gegliederten Schulsystem bleibt.

Doch im Laufe der 60-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts werden die gesellschaftlichen Stereotypen der Adenauerzeit zusehends als verstaubt und lähmend empfunden. Der Philosoph und Pädagoge Georg Picht schlägt 1964 in seiner berühmten Studie „Die deutsche Bildungskatastrophe“ Alarm: „Die Bundesrepublik steht in der vergleichenden Schulstatistik am untersten Ende der europäischen Länder neben Jugoslawien, Irland und Portugal." Seine Argumente, mit denen er Schulpolitik nicht nur als Sozialpolitik, sondern auch als Motor der wirtschaftlichen Entwicklung deutet, finden im gesellschaftlichen Aufbruch der 60-er Jahre in Politik und Gesellschaft breite Resonanz: „Bildungsnotstand heißt wirtschaftlicher Notstand. Der bisherige wirtschaftliche Aufschwung wird ein rasches Ende nehmen, wenn uns die qualifizierten Nachwuchskräfte fehlen, ohne die im technischen Zeitalter kein Produktionssystem etwas leisten kann. Wenn das Bildungswesen versagt, ist die ganze Gesellschaft in ihrem Bestand bedroht. Aber die politische Führung in Westdeutschland verschließt vor dieser Tatsache beharrlich die Augen und lässt es in dumpfer Lethargie oder in blinder Selbstgefälligkeit geschehen, dass Deutschland hinter der internationalen Entwicklung der wissenschaftlichen Zivilisation immer weiter zurückbleibt." Picht löst eine breite gesellschaftliche Debatte über die Neugestaltung unseres Bildungssystems aus, die längst an der Zeit ist.

150 Jahre nach Wilhelm von Humboldt: Die Gesamtschule wird Versuchsschule

Willy Brandt wird 1969 der erste sozialdemokratische Bundeskanzler und formuliert in seiner ersten Regierungserklärung u.a. zwei, auch für die Gesamtschule wegweisende Visionen: Er erklärt die Schule zur „Schule der Nation“ und grenzt sich damit von einer lange währenden deutschen Tradition ab, nach der die Armee „die Schule“, sprich die wichtigste Bildungsstätte, der Gesellschaft sei. Dem entspricht bis heute ein gewisser antimilitaristischer Geist an den Gesamtschulen. Brandts zweite Vision ist noch prägender für die Schulform der Gesamtschule. Die Einführung der Gesamtschule ist geradezu ein repräsentatives Beispiel für den Aufbruch, den Willy Brandts berühmtes Diktum „Mehr Demokratie wagen!“ signalisiert. Gesamtschulen sorgen für größere Chancengleichheit, indem sie die Bildungschancen von der sozialen Herkunft entkoppeln und gesellschaftliche wie politische Teilhabe auch den sozialen Schichten ermöglichen, die u.a. mithilfe des gegliederten Schulsystems davon bislang ausgeschlossen waren. Zudem experimentieren die Gesamtschulen von Beginn an mit neuen, deutlich erweiterten Möglichkeiten demokratischer Mitbestimmung von SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern. - Mit Beginn der ersten sozialliberalen Koalition auf Bundesebene werden die Gutachten und Empfehlungen des 1965 gegründeten „Deutschen Bildungsrats“ verwirklicht - wenn auch nur teilweise und zögerlich: Neben den Schulformen des dreigliedrigen Schulsystems soll nach Beschluss der Konferenz aller Kultusminister im Rahmen von Schulversuchen eine begrenzte Zahl von "Gesamtschulen" eingerichtet werden. Flankiert von wissenschaftlichen Begleituntersuchungen wollte man so zunächst alternative Modelle der Schulorganisation erproben und die Potenziale einer stärker auf innere Differenzierung setzenden Pädagogik ausloten. Anschließend sollte darüber befunden werden, ob bzw. in welcher Variante die neue Schulform flächendeckend einzuführen sei.

Dies entspricht auch dem Vorgehen in Nordrhein-Westfalen. Seit 1966 von einer sozialliberalen Koalition regiert, gehört das Land zu den Vorreitern bei der Einführung der neuen Schulform. Die Landesregierung beschließt am 09.04.1969: „Integrierte Gesamtschulen kommen nach dem Stand der Entwicklung zunächst nur als Versuchsschulen in Betracht. In diesen Versuchen soll geklärt werden, welche Erziehungs- und Bildungserfolge eine Organisationsform zu erbringen vermag, die die bisherigen Schulformen in eine differenzierte Einheit (Ganzheit) zusammenführt mit dem Ziele, eine neue Schulform zu schaffen. Derartige Versuche werden auf Antrag des Schulträgers von mir in beschränkter Zahl einzeln genehmigt. Ich beabsichtige im ganzen zwanzig Integrierte Gesamtschulen als Versuchsschulen zu genehmigen. Damit dürfte der Versuch in genügend breiter Basis angelegt sein, um die notwendigen Erfahrungen sammeln zu können. Von diesen zwanzig Versuchsschulen sollen acht mit Wirkung vom 1. August 1969 genehmigt werden. Die übrigen Versuchsschulen werden jeweils nach dem Stand der Planung mit Wirkung vom 1. August 1970, 1971, 1972 oder 1973 zugelassen.“ Für die Kommunen, die die Gesamtschulen errichten, ist die Zusage der Landesregierung von besonderer Bedeutung: „Die für Integrierte Gesamtschulen zu erstellenden Gebäude werden aus Mitteln des Schulbauprogramms finanziert.“

50 Jahre erfolgreiche Arbeit an der Gesamtschule Kierspe – bis heute anhaltender Schulstreit

Die Gesamtschule Kierspe gehört zu den ersten sieben Schulen, an denen die pädagogischen und didaktischen Konzepte der neuen Schulform tatsächlich in der Praxis erprobt, konzeptionell erfunden und fortentwickelt werden. Als erste Gesamtschule in NRW wird sie zum Gegenstand einer großangelegten wissenschaftlichen Studie, in der die Strukturen, Konzepte und der Unterricht an der neuen Schule ausführlich beschrieben und evaluiert werden. Die Autoren kommen zu einem positiven Schluss: „Zwar kann man auch mit einer Fallstudie nicht beweisen, welche Schulverfassung die beste ist […] Hingehen und sich selbst überzeugen, das ist die beste Art, wie man sich […] ein Urteil über eine Schule verschafft. […] Auf die Frage, ob wir an einer solchen Schule Lehrer oder Schüler sein möchten, müssen wir antworten: an dieser ja. […] Am nachdenklichsten hat uns gemacht, wie viele Dinge, die in Kierspe wenigstens ein Problem waren, an anderen Schulen gar nicht zum Reflexionshorizont gehören. Einer Schule, die sich nicht damit abgefunden hat, daß Späne fallen, wo gehobelt wird, kann man seine Kinder anvertrauen.“ (Diederich/Wulf, Gesamtschulalltag. Die Fallstudie Kierspe)

Angesichts der überaus heftigen Emotionen und polemisch vorgetragenen Standpunkte, die die Debatte um die richtige Schulform bis heute begleiten, ist der breite Konsens erstaunlich, mit dem in Kierspe die Gesamtschule auf den Weg gebracht wird: 368 Kinder, unter ihnen über 94 % aller Viert- und Fünftklässler aus Kierspe, besuchen ab August 1969 den Anfangsjahrgang der neuen Schule, deren Errichtung der Rat der Stadt Kierspe einstimmig, quer über alle Partei- und Fraktionsgrenzen hinweg, am 14.12.1967 beschließt. Im Land selbst sieht dies bald anders aus: Spätestens als die Landesregierung, nicht zuletzt aufgrund der positiven Erfahrungen mit der neuen Schulform Gesamtschule, 1978 die Kooperative Schule einführen will, in der die Schulen des dreigliedrigen Schulsystems zu einer kooperativen Einheit mit einer schulformunabhängigen Orientierungsstufe in den Jahrgängen 5 und 6 verbunden werden sollen, eskaliert der Schulstreit. Ein erfolgreiches Volksbegehren führt dazu, dass die Gesamtschule in Nordrhein-Westfalen nicht zur einheitlichen Regelschule wird, sondern bis heute ein Mischsystem aus integrierten Schulen und Schulen des selektiven, dreigliedrigen Schulsystems nebeneinander besteht.

Im Gründungsjahr der Gesamtschule Kierspe sind seit Wilhelm von Humboldts erstem Vorstoß bereits 150 Jahre vergangen. Aus den zunächst sieben Gesamtschulen entstehen in Nordrhein-Westfalen im Laufe der nächsten 50 Jahre bis heute 340 Gesamtschulen, 114 Sekundarschulen, 7 Gemeinschaftsschulen und 5 Primusschulen, an denen alle SchülerInnen gemeinsam lernen – unabhängig von ihrem sozialen Status, ihrer kulturellen Herkunft, ihrem Glaubens oder ihrer sexuellen Orientierung. Ihnen stehen im Schuljahr 2018/2019 fast 1300 bzw. 1740 (inkl. Förderschulen) Schulen des selektiven Lernens gegenüber. In vielen Städten müssen die Gesamtschulen über die Hälfte der angemeldeten Fünftklässler abweisen. – Der politische Streit um das richtige Schulsystem wird in Deutschland trotz aller Erfolge der Gesamtschulen weiterhin erbittert geführt. Von einer gemeinsamen Schule für alle, wie sie schon Wilhelm von Humboldt vor nunmehr 200 Jahren gefordert hat und die hier in Kierspe Wirklichkeit geworden ist, sind wir in Nordrhein-Westfalen und erst recht in Deutschland insgesamt, trotz aller Erfolge der Gesamtschulen, immer noch ziemlich weit entfernt.

 

 

 

„Eine Schule für alle“ – die Gesamtschule kommt nach Kierspe

Die Gründung der Kiersper Gesamtschule fällt in eine turbulente politische Zeit. Die berühmte 68er Generation ist dabei, das gesamte Land zu verändern und hat einen starken Einfluss auf die Bildungspolitik. „Die Schule der Nation ist die Schule“, formulierte Willy Brandt in seiner Regierungserklärung 1969. Unabhängig von der Herkunft, so der Anspruch der damaligen SPD-Regierung, sollte allen Bürgern die gleiche Chance auf Bildung eingeräumt werden.

Ende der 60er Jahre war Kierspe noch eine Gemeinde und verfügte im Bereich der weiterführenden Schulen nur über eine Hauptschule. Kiersper Schülerinnen und Schüler, die weiterführende Abschlüsse anstrebten, mussten Realschulen und Gymnasien der Nachbarstädte besuchen.

Als Antwort auf die Bedürfnisse im Bildungsbereich erschien die Gründung einer Gesamtschule den damals verantwortlichen Kommunalpolitikern folgerichtig. Nicht nur die Sekundarstufe mit den integrierten Bildungsgängen von Haupt- und Realschule, sowie dem gymnasialen Zweig in den Erweiterungskursen, sondern auch die später angeschlossene gymnasiale Oberstufe, machten die Kiersper Gesamtschule zu einem Erfolgsmodell. Im März 1969 entschieden sich 94,2 % aller Eltern der 4. und 5. Jahrgänge, ihre Kinder bei der Gesamtschule anzumelden.

Kierspe wird zur Stadt und bekommt die größte weiterführende Schule im Märkischen Kreis

Dass der Rat der Gemeinde Kierspe am 14.12.1967 einstimmig die Einrichtung einer Gesamtschule beschloss, fand in den Folgejahren bundesweite Beachtung. Die Kiersper Gesamtschule gehörte zu den ersten vier Gesamtschulen und wurde zu einer Pilgerstätte und Ideenbörse für alle, die neugierig auf dieses neue Konzept waren. Die Gründung von Gesamtschulen gerade im ländlichen Raum orientierte sich oft am Kiersper Beispiel. Was vor fast 50 Jahren als Versuchsprojekt gestartet ist und vor allem in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts im Rahmen des sogenannten „Schulkampfes“ stark umstritten war, hat sich heute längst etabliert.

Die angestrebte Chancengleichheit für Schülerinnen und Schüler war Kerngedanke des Gesamtschulkonzeptes. Bildung sollte nicht länger vom sozialen Status des Elternhauses abhängig sein. Daraus folgte eine Individualisierung des Lernens, welche auch in einem umfangreichen Kursangebot mündete. Die Chancengleichheit herzustellen ist auch nach fast einem halben Jahrhundert noch das wichtigste Ziel der Kiersper Gesamtschule.

Eine enge Verknüpfung von Schul- und Stadtgeschichte deutete sich bereits im Jahre 1969 an. Kierspe bekam die Bezeichnung „Stadt“ verliehen und die Gesamtschule nahm ihre Arbeit auf.

Vorsicht Baustelle! 40 Millionen für die Bildung

Fast symbolisch mutete der Schulbetrieb in den ersten sechs Jahren an. Die Kiersper Gesamtschule war vor allem eins: Baustelle! Während neben den fertiggestellten B- und C-Türmen und in Pavillons im Bereich des heutigen Hallenbades Räukepütt unterrichtet wurde, war die Großbaustelle Gesamtschule in vollem Betrieb. Ein junges Lehrerkollegium arbeitete mit großem Engagement und unter schwierigen Bedingungen an der Umsetzung der Gesamtschulidee. Viele kamen ins Sauerland, weil sie unbedingt an einer Gesamtschule arbeiten wollten und blieben. Es herrschte Aufbruchstimmung. Die Lehrerinnen und Lehrer waren Teil eines Schulversuchs und gestalteten diesen aktiv mit. Somit planten, bauten und gestalteten die Lehrerinnen und Lehrer Schule von innen, während nur durch eine Abdeckplane vom fertigen Schulgebäude getrennt, die Bauarbeiter den A-Trakt der Schule fertigstellten. Im Herbst  1975 wurde dieser Neubau, welcher auch der Hauptteil  der Schule ist, mit einem großen Schulfest eingeweiht. Insgesamt hatte das Schulgebäude bis dahin rund 40 Millionen DM gekostet.

4 Schulleiter und eine Schulleiterin für rund 1500 Schülerinnen und Schüler

Bis zum heutigen Tag hatte die Kiersper Gesamtschule vier Schulleiter und eine Schulleiterin:

1969 – 1972 : Georg Schulte-Fischedick

1972 – 1992: Martin Koenen

1992 – 2007: Fritz Schmid

2007 – 2012: Monika Hahn

Johannes Heintges übt seit 2012 das Amt des Schulleiters an der GSKi aus.

Gab es zu Beginn insgesamt 360 Schülerinnen und Schüler, besuchen heute etwa 1500 Schülerinnen und Schüler die Kiersper Gesamtschule. Die höchste Anzahl an Schülerinnen und Schülern hatte die  Schule  1978, in dem Jahr, in dem das erste Abitur vergeben wurde. Etwa  1.820  Schülerinnen und Schüler wurden damals von 130 Lehrern unterrichtet.

 

Schule als Lern- und Lebensraum

Eine bloße Lernfabrik war die Gesamtschule Kierspe nie. Wo viele Menschen die Zeit miteinander verbringen, musste diese auch gestaltet werden. Eine sehr kleine Lehrer- und Schülerbibliothek wurde schon ab Februar 1970 mit Helga Stiefelhagen als Leiterin aufgebaut, anfangs mit einem gestifteten Bestand von nur 100 Büchern. Als der Neubau 1975 in Betrieb genommen wurde, kamen die Bestände aus der Stadtbibliothek hinzu und die  vergrößerte Schulbibliothek zog in den Neubau um. Im oberen  Bereich der Bibliothek befindet sich heute die  Arbeitsbibliothek, die  nur für Schüler zugänglich ist; im unteren  Bereich liegt die Stadtbibliothek.

Auch für das leibliche Wohl wurde gesorgt. Im Konzept der Ganztagsschule spielte die Versorgung mit einem Mittagessen immer eine große Rolle. Schnell wurde die „alte“ Mensa zu klein für die große Anzahl an Schülerinnen und Schülern. Teilweise standen sie mittags bis in die alte Pausenhalle Schlange. Im Mai  1975 wurde dann die „neue“ und heutige Mensa in Betrieb genommen, die  600 Schülern gleichzeitig Platz bietet. Schon seit vielen Jahren versorgt ein sehr aktiver Mensaverein die Gesamtschüler mit abwechslungsreichem Essen.

Spiel- und Sportmöglichkeiten wurden und werden ebenfalls vom Freizeitbereich zur Verfügung gestellt. Ob „bewegte Pause“ oder ein Kickerduell in der Mittagspause – die Schülerinnen und Schüler konnten immer aus einem großen Angebot wählen.

Kultureller Schmelztiegel

Wer irgendwann in seinem Leben mit der GSKi zu tun hatte, wird beeindruckende Aufführungen des Theaterprojektes, Auftritte der Musikklassen und Kostproben der kulturellen Arbeit des Faches „Darstellen und Gestalten“ in Erinnerung haben. Die Gesamtschule Kierspe war immer Ort des kulturellen Lernens. Viele aktive und ehemalige Lehrerinnen und Lehrer haben über das Schulleben hinaus, auch den Kulturbetrieb in Kierspe geprägt. Aus etlichen Schülergenerationen rekrutierten sich erfolgreiche Teilnehmer bei den Wettbewerben „Jugend musiziert“ und „Jugend forscht“. Manch eine spätere Berufswahl war verknüpft mit Erfahrungen, die in der Schule gemacht wurden.

Die Schule der Nation ist die Schule“ – dieses Motto von Willy Brandt hat Bestand bis heute.

 

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