Projekt "Sozial genial"

Sozial Genial“ – Preisverleihung am 15. 4. 2015

 

Es brauchte vor einigen Jahren nur eines aus der Bibel abgewandelten Textes um von meiner damaligen  Schulleitung  (SL) das Okay für einen Religionsunterricht ganz anderer Art zu bekommen.

Es war die „Seligpreisung eines alten Menschen“.

Die SL, die Eltern und nicht zuletzt die SchülerInnen konnten überzeugt werden, dass die praktischen Erfahrungen, die die jungen Leuten in diesem Projekt machen, in keinem theoretischen Unterricht vermittelt werden können.

Schon in der Anfangsphase, die seither zu Beginn des 9. Schuljahres in der Schule erfolgt, machen sich die Schülerinnen und Schüler( SuS) über Menschen Gedanken, die oftmals völlig aus ihrem Blickfeld verschwunden sind, nämlich über Menschen, die häufig durch  altersbedingte Einschränkungen (schlechtes Hören, Sehen, Bewegen) nicht mehr am allgemeinen gesellschaftlichen Leben teilnehmen können.

Die jungen Leute entwickelten Ideen, wie sie dazu beitragen könnten, ein wenig Abwechslung in den Alltag der Senioren zu bringen. Sie bastelten Spiele, zeigten Bilder und Filme, die Erinnerung weckten, hörten und sangen Volkslieder, bereiteten gemeinsam mit den Senioren Reibekuchen und Waffeln zu,  bastelten Lebkuchenzüge und Hexenhäuschen, malten gemeinsam,  spielten Rummicup und  „Mensch ärgere dich nicht“,  hörten zu und fragten nach alten Zeiten, gingen gemeinsam einkaufen oder schoben die Rollstühle einfach nur raus.

Und dabei schulten sie  ganz nebenbei Kompetenzen, die - davon bin ich überzeugt - in ihrem späteren Leben mehr als schematisches Schulwissen gebraucht werden:

- Kommunikationsfähigkeit, das bedeutet in diesem Projekt, auf andere Menschen eingehen, die generationsbedingt weder die gleichen Interessen haben, noch die  Jugend-Sprache sprechen, und außerdem müssen sie auch noch laut und deutlich sprechen;

- das  Verantwortungsbewusstsein wird gestärkt. Die SuS wissen, dass jede Minute, die sie zu spät kommen, oftmals sehnsüchtig wartende Menschen zur Folge haben. Einige Senioren stehen oder sitzen schon lange vor halb 11 im Eingangsbereich und warten auf „ihre“ Mädchen bzw. Jungen.

- das Bewusstsein für gesellschaftliche Probleme wird geschärft. Sie erfahren, dass ein Pflegeplatz so teuer ist, dass das ganze Vermögen aufgebraucht wird und den SeniorInnen nur noch ein  kleines Taschengeld bleibt. Sie lernen, was Demenz ist , wie man damit umgeht und welche Modelle es für Menschen mit Demenz in anderen Städten und Ländern gibt. Sie können Nachrichten über Streiks von Pflegepersonal in Verbindung bringen mit der schlechten Bezahlung für anstrengende und verantwortungsvolle Arbeit mit alten Menschen.

- sie entwickeln Stärken im Umgang mit anderen und finden heraus, was sie gut können und was anderen nützt. Und vielleicht entsteht bei den wöchentlichen Besuchen auch bei dem Einen oder der Anderen der Wunsch einen Beruf in diesem Bereich auszuüben.

-  Sie lernen Frustration auszuhalten und Durchhaltevermögen, wenn es mal nicht so gut läuft. Dann müssen sie neue Ideen entwickeln. Und dann merken sie beim nächsten Besuch, dass die Stimmung auch schon wieder viel besser ist.

Ich denke, in diesem Projekt lernen alle Beteiligten – SchülerInnen, SeniorInnen und auch ich sehr viel.

Ich berichte gerne von einem Schüler, der in einer der letzten sozial genial Gruppen einen schwer an Demenz erkrankten Herrn besuchte. Dieser Schüler bot in der Schule häufig Anlass zu pädagogischen Maßnahmen. Seine Lernbereitschaft im Unterricht  war äußerst gering. Oftmals geriet er in Konflikte mit Mitschülern.

Bei seinen Besuchen in der Demenzwohngruppe erlebte ich einen völlig anderen Jungen: freundlich, lächelnd, auf 10 Mal die gleichen Fragen immer wieder geduldig antwortend und – ein Bild, das ich immer wieder vor Augen habe: er, der coole Typ ging Hand in Hand mit einem orientierungslosen Mann spazieren und überredete ihn liebevoll den Weg zu gehen, der nicht in die Sauerländer Berge führte, in die der alte Mann gehen wollte.

Mit diesen Erfahrungen, die ich jede Woche bei der Begleitung meiner SuS mache, verteidige ich  in Gesprächen über die „schlimmen Jugendlichen“ ganz vehement die junge Generation, die ich  - in der Mehrheit  - „sozial genial“ erlebe.

Diesen Preis sehe ich als Bestätigung dieser Auffassung an. Ich danke Ihnen im Namen der SuS.

Übrigens: Mit dem Geld werden wir u.a.  zusammen mit den SeniorInnen einen schönen Vormittag in der Eisdiele verbringen.

 

sozial genial schüler mit mann

Bericht des Herrn B. für seine Paten-Schüler Marcel K., Fabian S. und Valentin K. aus dem Projekt „sozial genial

aufgeschrieben im Dezember 2014

 

„Hallo, hier sind wir! Der Räuberhauptmann und seine Räuber-Gesellen. Im Rahmen des Schülerprojets „sozial genial“ haben wir mit Herrn B. sehr interessante Stunden verbracht, in denen wir viele „Räubergeschichten“ aus seiner Jugend- und Schulzeit erfuhren und in denen wir ihn manches Loches in den Bauch fragen konnten.

Nach der Schul- und einem Teil seiner Lehrzeit begann für ihn die RAD-Zeit (Reichsarbeitsdienst; Erkl. v. A. K.), die bis zur Kapitulation dauert, zuerst als FLAK- Ausbildung und Einsatz in Deutschland und dann in Frankreich. Wir können die Namen der „Kuhbläken“, das ist sein spezieller Name für kleine Ortschaften, nicht nennen, wo er eingesetzt war.

Er berichtete auch von den ersten Abstürzen alliierter Bomber. Bei deren Trümmern lagen auch tote Soldaten aus den Flugzeugen und er fragte uns, ob wir sagen könnten, warum wir sie totgeschossen haben, obwohl wir sie gar nicht kannten und sie ihm persönlich auch gar nichts getan hatten. Auf der anderen Seite hätten ihre Bomben auch ihn vernichten können, wenn sie ihn getroffen hätten. Das waren die Lehren, die wir aus dem Krieg ziehen können. Die Großen leben in Freuden und die Kleinen müssen die Suppe auslöffeln, die sie gar nicht gekocht haben.

Nach der Kapitulation glaubte unser Räuberhauptmann, dass er nun seinen friedlichen Beruf ergreifen könnte. Aber fehl gedacht, nun musste er erst mal in amerikanische Gefangenschaft. Drei Monate war er im Schreckenslager Remagen am Rhein, dann wurde er nach Koblenz verlegt. Er glaubt nun an Entlassungen, aber es erfolgte ein Transport nach Frankreich, wo er bei einem Großbauern arbeiten musste. Das gefiel unserem Räuberhauptmann absolut nicht und darum ist er mit einigen Kameraden ausgekniffen. Natürlich wurden sie an der Mosel in Metz wieder erwischt und erneut ins Kriegsgefangenenlager gesperrt, obwohl schon lange kein Krieg mehr war. Von Metz aus wurde er dann auf ein Waldkommando geschickt, wo er nach einem Monat wieder mit ein paar Kameraden abgehauen ist. Diesmal hat es trotz einiger Komplikationen geklappt – die Flucht endete in Köln, von wo aus jeder seine Heimat aufsuchte, nur unser Räuberhauptmann nicht, der hatte noch einen weiten Weg bis Magdeburg vor sich.

Wir haben seine Räubergeschichten deswegen so ausführlich aufgeschrieben, weil es uns sehr bewegt hat, wenn er von Hunger, von Regenzeiten ohne Zelt und Dach, von Stacheldraht und keiner Aussicht auf Entlassung berichtet hat.

Wenn wir dagegen unsere Jugend vergleichen, dann möchten wir mit ihm nicht tauschen, sondern lieber seine Räubergesellen sein und seine Geschichten anhören.

Als unser Räuberhauptmann endlich in der Ostzone angekommen war, wurde er kleiner kaufmännischer Lehrling und musste das Nachholen, was er durch den Krieg und seine Folgeereignisse versäumt hatte. Aber durch Energie und Fleiß hatte er es bald zum Direktor für Rechnungsführung und Finanzkontrolle geschafft. Mit dem Datum der Wiedervereinigung hatte er auch seine Rentnerzeit erreicht. Da ist er mit seiner Familie nach Westdeutschland gezogen. Hier lebt er nun aus Gesundheitsgründen im Seniorenwohnheim Kierspe und hat uns seine Lebensgeschichte erzählt.

*Buch20/27, S. 96/97 Ranke – Heinemann (Tochter v. Bundespräsidenten)

 

Weitere interessante Berichte der Begegnungen von Schülerinnen und Schülern mit den älteren Menschen gibt es [hier].